Technik für eine Hand voll Leben
Reference: Management & Krankenhaus 10/2004
Etwa jedes 15. Baby in Deutschland kommt als Frühchen zur Welt. Bislang fehlte es den Ärzten an Diagnosemethoden, um bei Frühgeburten Organschäden zu erkennen. Ein Ingenieur aus Lübeck schafft Abhilfe.
Adern schimmern durch die Haut wie durch Cellophanpapier. Ihr Körper ist kaum größer als eine Handfläche, und mit einem Gewicht von meist weniger als 2500 Gramm sind sie auf intensivmedizinische Betreuung im Brutkasten angewiesen. Frühgeborene nennt man Babys, die vor Vollendung der 37 Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen. Nur jedes dritte entwickelt sich normal. Herzfehler, Hirn- oder andere Schäden - wie sollen Ärzte sie diagnostizieren? Röntgenaufnahmen kommen aufgrund der Strahlenbelastung nicht in Frage. Zudem brauchen die unreifen Patienten permanent das schützende Klima des Inkubators.
Hightech aus Lübeck löst dieses Problem. Ingenieur Torsten Lönneker-Lammers hat mit seinem Team einen Brutkasten entwickelt, der für den Einsatz im Kernspintomographen geeignet ist – und damit weltweit die einzige, nicht-invasive Untersuchungsmethode bei Frühgeborenen vorgestellt. Scannen des Körpers mit Hilfe von Magnetfeldern – diese Technik gilt als unbedenklich und wird heute bei Patienten jeglichen Alters angewendet. Nur die Frühchen mussten bislang draußen bleiben, weil herkömmliche Inkubatoren hierfür nicht taugen. „Wir schließen mit unserem Produkt diese Lücke in der Diagnostik“, sagt Lönneker-Lammers.
Anfragen von Kliniken machten ihn Mitte der 90er Jahre auf das Problem aufmerksam. Beim Dräger-Konzern, für den er seinerzeit im Bereich Wärmetherapie tätig war, habe ein Inkubator jedoch nicht in das Produkt-Portfolio gepasst. Als im Unternehmen Umstrukturierungen anstanden, wagte Lönneker-Lammers den Sprung in die Selbstständigkeit. 2001 gegründet, besetzt LMT Lammers Medical Technlogies GmbH heute die Schnittstelle zwischen Radiologie und Neugeborenenmedizin.
Das LMT-Inkubatorsystem besteht aus drei Bereichen: einem weitgehend transparenten Patientenraum, einem Bauteil für die Aggregate, die die notwendige Wärme und Luftfeuchte erzeugen, und einem Elektronikteil. Schon für sich genommen sind Inkubatoren Medizingeräte auf hohem, technischen Niveau. Gleiches gilt für Magnetresonanztomographen (MRT). LMT musste die völlig unterschiedlichen Bedingungen beider Geräte bezüglich Elektronik, magnetischem Verhalten, Mechanik und Thermodynamik vereinbaren, um gegenseitige Störeinflüsse auszuschließen. Ein äußerst anspruchsvolles Unterfangen, urteilte die frühere Technologie-Transfer-Zentrale Schleswig-Holstein (heute: WTSH Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH) – und förderte das Projekt mit Landesmitteln.
Angesiedelt in unmittelbarer Nähe zum Forschungs- und Entwicklungszentrum der FH Lübeck hat LMT auch von Infrastruktur und Know-how der Hochschule profitiert. Dennoch verlief die Entwicklung zunächst nicht ganz so reibungslos, wie es der prämierte Business-Plan vorhersah. Insbesondere geeignete Lieferanten zu finden, sei schwieriger als erwartet gewesen, erzählt Lönneker-Lammers.
Mittlerweile sind bereits in den USA, den Niederlanden, Deutschland, Kuwait und Polen Frühchen mit Hilfe des Systems untersucht worden. Dazu lässt sich an der Stirnseite eine spezielle Kopfspule passgenau einschieben. Auch für den Einsatz von Körperspulen kann das System aufgerüstet werden. Ein MR-kompatibles Fahrgestell inklusive unabhängiger Strom- und Sauerstoffversorgung steht für den klinikinternen Transport zur Verfügung, auf Wunsch auch ein Fahrgestell für Krankenwagen.
Ab 200.000 Euro ist der Inkubator, der heute auch von Siemens vertrieben wird, zu haben – eine kleine Summe im Vergleich zu dem, was es kostet, bis ein Frühgeborenes die Klinik verlassen kann. Lönneker-Lammers: „Durch die exakte Diagnose können die Ärzte nun frühzeitig Maßnahmen treffen.“

Dipl.Ing. Torsten Lönneker-Lammers am weltweit einzigen Brutkasten,
der für den Einsatz im Kernspintomographen geeignet ist.

